Kontakt Facebook Instagram Übersicht Suche Sponsor VIRTEUM Suche Menü weiter nach unten Schließen Kontakt Start Übersicht Suche Sponsor Pfeil Vollbild
Digitale Plattform für Geschichte(n) der Region an der Lippe zwischen Münsterland und Ruhrgebiet

Erich Schild – Eric Schildkraut. Impressionen aus seinem Leben – ein Schülerbeitrag

Der vergessene jüdische Sportler und Schauspieler aus Selm: Erich Schild – Eric Schildkraut. Impressionen aus seinem Leben
10,8 Sekunden über 100 Meter – eine Zeit, die selbst heute noch beeindruckt. Für Erich Schild war sie 1935 seine Bestleistung, die ihn in die Nähe der damaligen deutschen Sprintspitze brachte. Seine Karriere begann mit dem Gewinn des Westfalenmeistertitels und erreichte 1934 und 1935 ihren Höhepunkt mit der Teilnahme an Olympia-Sichtungslehrgängen. Doch die Zeit der Diskriminierung und Verfolgung im Nationalsozialismus setzte einer vielversprechenden sportlichen Karriere ein jähes Ende und verwehrte ihm weitere Erfolge. Schild war nicht nur ein talentierter Leichtathlet, sondern auch ein mutiger Mensch, der sich den antisemitischen Anfeindungen widersetzte.

Eric Schildkraut

Ende der unbeschwerten Kindheit: Erste Erfahrungen mit Ausgrenzung

Erich Schild, geboren am 6. November 1906 in Langschede, verbrachte seine ersten Lebensjahre zusammen mit seiner Mutter bei seinem Großvater Rudolf Schildkraut in Berlin. Nach wenigen Jahren zogen Mutter und Sohn nach Selm zu seiner Großmutter mütterlicherseits. Seine Mutter, Lisette „Bella“ Rosenthal, geb. 19.12.1883, für tot erklärt am 30.4.1942, heiratete am 26. November 1911 den Salemer Kaufmann Friedrich Schild , der den kleinen Erich adoptierte. Sie wohnten in Selm in der Ludgeristraße über dem Möbelhaus Wulfert.

Erich Schild fühlte sich in Selm sehr wohl: „Als Kind war ich in Selm voll integriert“, erinnerte er sich später in einem Interview. Er besuchte die katholische Ludgerischule in Selm und spielte Theater im katholischen Gesellenverein. Erich Schilds sportliches Talent fiel schon früh auf. Wenn er für seinen Vater Zigaretten holte, machte sein Vater daraus kurzerhand einen Wettlauf und stoppte die Zeit.

Die unbeschwerte Zeit endete, als Erich Schild 1924 am Realgymnasium in Lünen erstmals bewusst Antisemitismus erlebte. „Geht das denn nicht ohne Juden?“, fragte ein Lehrer, als Erich Schild für die 4×100-Meter-Staffel der Altersklasse U20 nominiert wurde. Die offen geäußerte Diskriminierung aufgrund seiner jüdischen Herkunft zeigt, dass bereits in den 1920er Jahren antisemitische Vorurteile und Ausgrenzung in der Gesellschaft präsent waren, denn ähnliche Vorurteile begegneten ihm auch im Handball.

Nach der Schule entschied er sich für eine kaufmännische Laufbahn und schrieb sich an der Höheren Handelsschule in Dortmund ein. Nach seiner Ausbildung kehrte Erich Schild in seine Heimatstadt Selm zurück, wo ihm sein Vater ein eigenes Haushaltswarengeschäft einrichtete, das er selbstständig führte. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1929 gab er sein eigenes Geschäft auf und arbeitete fortan im elterlichen Textil- und Lebensmittelgeschäft in der Ludgeristraße mit. Der frühe Tod seines Vaters veränderte seine beruflichen Pläne.

Bereits in seiner Jugend entdeckte Erich Schild eine neue Leidenschaft: das Schauspiel. Ab 1930 nahm er Schauspielunterricht bei Emil Binder in Dortmund. Die Schauspielausbildung wurde später zu einer wichtigen Grundlage seiner Theaterkarriere.

Systematische Ausgrenzung: Ausschluss aus Sport und Gemeinschaft

Nach allem, was wir wissen, ist es sehr wahrscheinlich, dass Erich Schild nach dem 30. Januar 1933 aus seinen Selmer Sportvereinen ausgeschlossen wurde. Am 30. Januar 1933 begann nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg eine Zeit, in der die Nationalsozialisten die demokratischen Strukturen Deutschlands schrittweise beseitigten. Viele Menschen wurden ausgegrenzt und verfolgt, darunter auch viele Juden. Sie wurden aus den bürgerlichen deutschen Vereinen ausgeschlossen, sie konnten jedoch bis 1938 in jüdischen Sportvereinen weiterhin Sport treiben. Der Ausschluss geschah oft aus Eigeninitiative der Vereinsmitglieder.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte schlagartig auch das Leben der Juden in Selm. Als sein Sportverein an dem abendlichen Fackellzug am 30. Januar in Selm teilnehmen wollte, nähte seine Mutter auf Bitten ihres Sohnes eine Fahne. Als der Zug vor ihrem Fenster hielt, skandierten die Teilnehmer antisemitische Parolen wie „Juda verrecke!“, berichtete Erich Schild später.

Durch den Ausschluss aus seinem Sportverein verlor er nicht nur eine zentrale Freizeitbeschäftigung, sondern auch einen wichtigen Teil seiner sozialen Zugehörigkeit und persönlichen Identität.

In den folgenden Monaten nahm der Druck auf die Familie weiter zu. Im Juli 1933 musste die Familie ihr Textilgeschäft aufgeben. Boykotte, Benachteiligungen und die zunehmenden Einschränkungen für jüdische Geschäftsleute verschlechterten ihre wirtschaftliche Lage erheblich. Auch gesellschaftlich wurde die Familie zunehmend isoliert: Selbst frühere Freunde mieden den Kontakt.

Geflohen und zurückgekehrt: Die verwehrte sportliche Karriere

Im Juli 1933 ergriff Erich Schild dann die Flucht. Dies markierte einen Einschnitt in seinem Leben. Er verließ Deutschland, weil er als Jude verfolgt wurde. Später berichtete Eric Schildkraut mehrfach, seine Schnelligkeit habe ihm auf der Flucht geholfen zu überleben. Dies verdeutlicht die Gefahren seiner Flucht. Zunächst ging er nach Enschede in den Niederlanden, anschließend weiter nach Amsterdam. Damals waren diese beiden Städte Anlaufstellen für verfolgte Juden. Von dort gelangte er nach Straßburg, das nach dem Ersten Weltkrieg wieder zu Frankreich gehörte. Dort fand Erich Schild für eine Weile Zuflucht in einer Sportgemeinschaft. Dank seiner Mitgliedschaft im Verein Association Sportive de Strasbourg konnte er weiterhin seiner Leidenschaft nachgehen und neue Kontakte knüpfen. Trotz der Gefahren, die in Deutschland herrschten, kehrte Erich Schild 1934 nach Dortmund zurück. Er hatte Heimweh.

Er wurde Mitglied in dem jüdischen Sportverein „Schild Dortmund“, der der Sportorganisation des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten angehörte. Neben dem Sportbund Schild gab es noch weitere jüdische Vereine, die sich dem Makkabi-Verband angeschlossen hatten. Diese Vereine boten jüdischen Sportlern die Möglichkeit, organisiert Sport zu treiben, nachdem sie aus den allgemeinen Sportvereinen ausgeschlossen worden waren. Die nationalsozialistische Reichssportführung erlaubte jüdischen Sportlerinnen und Sportlern zunächst die Organisation in eigenen Vereinen. Hintergrund waren die internationalen Boykottdrohungen gegen die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Erich Schild war ein außergewöhnlich talentierter Sprinter, der die 100 Meter 1935 in beachtlichen 10,8 Sekunden lief. Seine Erfolge bei Wettkämpfen in Gelsenkirchen, Münster und bei den Landesmeisterschaften waren umso bedeutender, da jüdische Sportler damals unter zunehmend schwierigen Bedingungen trainieren und antreten konnten.

1934 und 1935 nahm er an Olympia-Sichtungslehrgängen für jüdische Sportlerinnen und Sportler in Ettlingen/Baden teil. Erich Schild war einer der besten deutschen Sprinter. Als Jude durfte er aber nicht an den deutschen Leichtathletikmeisterschaften teilnehmen. Die Einladung zu den Olympia-Lehrgängen war ein weiteres Zugeständnis der NS-Regierung, um den internationalen Boykottdrohungen zu begegnen. Bester deutscher Sprinter war damals Erich Borchmeyer aus Münster, der 1936 in Berlin im Olympiafinale 10,7 Sekunden lief. Mit seiner besten bekannten 100-Meter-Zeit von 10,8 Sekunden lag Erich Schild nicht weit davon entfernt. Trotz seiner herausragenden Leistungen wurde ihm als Jude die Teilnahme an den Olympischen Spielen verwehrt.

Als junger Sportlehrer erneut auf der Flucht

Ab Herbst 1935 begann Erich Schild eine vielversprechende Ausbildung zum jüdischen Sportlehrer an der Alice-Bloch-Schule in Stuttgart, die er nach einem Jahr erfolgreich abschloss. In Anbetracht der zunehmenden Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Nazi-Deutschland entschloss er sich zur Flucht aus seiner Heimat.

In Belgien fand er zunächst eine Anstellung als Sportlehrer. Nach dem deutschen Überfall auf Belgien im Mai 1940 musste er diese Tätigkeit schließlich aufgeben.

Es begann für Erich Schild eine Zeit ständiger Flucht und Verfolgung. Immer wieder wurde er verhaftet und musste untertauchen. Schließlich gelang es ihm, in Südfrankreich eine sichere Zuflucht zu finden, wo er wieder als Sportlehrer arbeiten konnte.

Am 14. November 1946 kehrte Erich Schild nach Selm zurück. Sein Elternhaus war nach seiner Flucht zwangsweise vermietet worden. Er suchte sein Elternhaus auf und erlebte erneut antisemitische Anfeindungen durch den Bewohner des Hauses.

Seine Mutter wurde am 30. April 1942 aus Dortmund in das Ghetto Zamosc deportiert und dort ermordet. In Gedenken an seine Mutter ließ er auf dem jüdischen Friedhof zwischen Selm und Bork einen Grabstein errichten, auch wenn sie dort nicht beerdigt ist.

 

Aus Erich Schild wird Eric Schildkraut

Die Namensänderung von Erich Schild zu Eric Schildkraut lässt sich bislang nicht eindeutig datieren oder erklären. Bekannt ist jedoch, dass er 1956 noch mit „Erich Schild“ unterschrieb, während er 1965 bereits den Namen „Eric Schildkraut“ verwendete. Die Gründe für diesen Namenswechsel sind bisher nicht abschließend geklärt.

Karriere als Schauspieler und Hörspielsprecher

Die Karriere von Eric Schildkraut ist ein Beleg für seine Vielseitigkeit und sein Engagement als Schauspieler. Sein Lebensweg, geprägt von den Erfahrungen des Holocausts und der Nachkriegszeit, ist auch in seiner künstlerischen Arbeit sichtbar.

Nach dem Krieg startete Schildkraut seine Karriere an kleineren Bühnen und zeigte schnell sein schauspielerisches Talent. Sein Engagement in Berlin und Tel Aviv bereitete den Weg für weitere Erfolge. Die Städtischen Bühnen Frankfurt, das Theater im Zimmer Hamburg, die Landesbühne Hannover, die Städtischen Bühnen Köln, das Residenztheater München und schließlich das Thalia Theater Hamburg – diese Bühnen haben seine Karriere geprägt. Die Zusammenarbeit mit renommierten Regisseuren wie Peter Striebeck und Jürgen Flimm unterstreicht eindrucksvoll seine Bedeutung als Theaterschauspieler. In den 1950er Jahren startete Schildkraut dann auch seine Film- und Fernsehkarriere. Seine Rolle als Charlie in der Hörspielreihe „Paul Temple und der Fall Genf“ machte ihn einem breiten Publikum bekannt. Seine Darstellung des „Landauer“ in Leon Feuchtwangers „Jud Süß“ war eine besondere Herausforderung und zeigte sein schauspielerisches Können. Schildkraut war ein Schauspieler, der sich nicht auf bestimmte Charaktere festlegen ließ. Er konnte sowohl komische als auch tragische Rollen mit großer Überzeugungskraft verkörpern.

Mit dem Tod von Eric Schildkraut am 16. Juli 1999 endete das Leben eines Sportlers und Schauspielers, dessen Biografie beispielhaft für die Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Menschen im Nationalsozialismus steht. Der langjährige Selmer Bürger fand seine letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Teil des Ohlsdorfer Friedhofs in Hamburg.

Für Selm erinnert seine Geschichte daran, dass Ausgrenzung und Verfolgung nicht irgendwo stattfanden. Sie trafen auch Menschen aus der eigenen Stadt und veränderten deren Leben nachhaltig. Zugleich steht Eric Schildkrauts Leben für die Verantwortung, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen und jeder Form von Antisemitismus und Entrechtung entgegenzutreten.

Quellenverzeichnis:

Bernett, Hajo (2006): „Deutschland und die Olympische Bewegung in der Zeit des Nationalsozialismus“

abgedruckt in Gutenberg Universität Mainz Institut für Sportwissenschaft (Stand 20.06.2006), im Internet: https://mueller.sport.uni-mainz.de/files/2018/08/DeutschlandUndOlympBewegInNS-Zeit.pdf (abgerufen am 23.11.2024) 

Cymontkowski, Doris (1990): Juden in Selm, Bork, Cappenberg, Selm 1990.

Cymontkowski, Heinz (2016): Art. Selm-Bork, in: Göttmann, Frank (Hg.): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften, Regierungsbezirk Arnsberg, Münster 2016, S. 723-730.

Kupczyk, Michael (Projektkoordination) (2024): Eric Schildkraut In: Verwischte Spuren.de, im Internet

https://verwischte-spuren.de/juedisches-leben-in-selm/eric-schildkraut/ (abgerufen am 23.11.2024)

Lause, Beate u. Wiens, Renate (Hrsg.) (1991): Theaterleben. Schauspieler erzählen von Exil und Rückkehr. Hain Verlag, Frankfurt/M.,1991, S.12-15.

Peiffer, Lorenz: Erich Schild – der Sprinter. Eric Schild – der Schauspieler. Zwei Welten, ein Lebensweg. In: Peiffer, Lorenz /Arthur Heinrich (Hrsg.) (2019): „Juden im Sport in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus: Ein historisches Handbuch für Nordrhein-Westfalen“, Göttingen: Wallstein Verlag, 774-779.

Pracht-Jörns, Elfi (2005): Artikel Selm – Stadtteil Bork, in: dieselbe: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Köln 2005, S. 650-657.

Rademacher, Marie (2024): „Gedemütigt, verfolgt, zurückgekehrt: Die Geschichte des Selmers Eric Schildkraut“ abgedruckt in der Online-Ausgabe der „Ruhr Nachrichten“ vom 09.11.2024, im Internet: https://www.ruhrnachrichten.de/selm/gedemuetigt-verfolgt-zurueckgekehrt-die-geschichte-des-selmers-eric-schildkraut-w684792-2000728073/ . (abgerufen am 23.11.2024)

Rademacher, Marie u. Reith, Sebastian (2024): „Zum Holocaust-Gedenktag Die Geschichte des Selmers Eric Schildkraut“ abgedruckt in der Online-Ausgabe der „Ruhr Nachrichten“ vom 27.01.2023, im Internet:  https://www.ruhrnachrichten.de/selm/zum-holocaust-gedenktag-die-geschichte-des-selmers-eric-schildkraut-w687278-2000728831/ . (abgerufen am 23.11.2024)

Reith, Sebastian (2024): „Gedemütigt, verfolgt, zurückgekehrt: Die Geschichte des Selmers Eric Schildkraut“ abgedruckt in der Online-Ausgabe der „Ruhr Nachrichten“ vom 26.01.2024, im Internet: https://www.ruhrnachrichten.de/selm-sport/nazi-regime-verhinderte-olympia-teilnahme-erich-schild-der-vergessene-juedische-sprinter-w687558-2000728068/. (abgerufen am 23.11.2024)

Sauer, Michael (Hrsg.) (2020): „Eric Schildkraut: Ein Sportler und Schauspieler“ In: Geschichte und Geschehen 3; Stuttgart, Klett 2020; S. 159

Virteum (2024): Eric Schildkraut überlebt In: Virteum, im Internet

 https://www.virteum.de/geschichte/2-4-wohnhaus-erik-schildkraut/(abgerufen am 23.11.2024)

Virteum (2025): Formen der Ausgrenzung In: Virteum, im Internet

https://www.virteum.de/kulturbotschafter/selber-forschen/ (abgerufen am 12.01.2025)

SchülerInnen und Schüler des städtischen Gymnasiums Selm der Klassen 10 abc unter der Leitung von Florian Mersch haben diese Texte erarbeitet und rescherschiert:

Kursnamen:

Klasse 10abc GEPK Mer

SchülerInnennamen:

Jonas Abdinghoff

Mats Eilert

Jannik Hehemann

Nele Sophie Koch

Hannes Neßler

Valerii Rudskyi

Julius Anton Schaeper

Henri-Richard Schollas

Merle Schroeder

Thea Magdalena Stenner

Leni Antonia Stoppa

Paul Fiete Umland

Hlib Zhurba