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Die Gaufrauenschaftsschule Westfalen-Nord auf Haus Botzlar

Der NS-Staat betrieb reichsweit vielfältige „weltanschauliche“ Schulungseinrichtungen, die gegliedert nach den jeweiligen Organisationen die gesamte Bevölkerung auf die NS-Ideologie einschwören sollten. Nach Möglichkeit wurden solche Schulungszentren in historischen Gebäuden angesiedelt, um den Nationalsozialismus als notwendige Entwicklung einer von der NS-Historiografie konstruierten völkisch-germanischen Geschichte zu präsentieren. So befand sich im Gau Westfalen-Nord die Gauschule der NSDAP im Schloss Nordkirchen und die Reichsordensschule der SS in der Wewelsburg. Ihrem Stellenwert in der NS-Hierarchie entsprechend erhielt die NS-Frauenschaft die weniger bekannte „Burg“ Botzlar.

Im Oktober 1931 entstand aus dem Zusammenschluss mehrerer nationaler und nationalsozialistischer Frauenverbände die NS-Frauenschaft (NSF). Nach der Machtübernahme durch die NSDAP 1933 diente die NSF als Kerntruppe der politischen Gleichschaltung aller nicht-nationalsozialistischen Frauengruppierungen unter dem Dach des Deutschen Frauenwerks (DFW). Im März 1935 wurde die Frauenschaft formalrechtlich zur Gliederung der NSDAP erhoben. Geleitet wurde die NSF wie auch das DFW von der Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink, die durch diese Rolle nominell die einflussreichste Frau des NS-Staates war.

Einblicke in die Räumlichkeiten der Gaufrauenschaftsschule gewährt dieser Artikel vom Sommer 1934. Foto: LAV NRW Westfalen

In Selm-Beifang wurde die NS-Frauenschaftsortsgruppe als erste im Kreis Lüdinghausen bereits am 11. Mai 1932 gegründet. Diese Ortsgruppe engagierte sich stark bei der Gründung weiterer Ortsgruppen im Kreisgebiet und auch bei der Einrichtung der Führerinnenschule im Haus Botzlar. Nachdem anfänglich die Einrichtung einer einfachen Haushaltsschule geplant war, entschied sich die NS-Frauenschaft schließlich zur Gründung einer ideologischen Schulungsstätte, die binnen weniger Monate eröffnet wurde. Während zur eigentlichen Eröffnungsfeier am 10. Juli 1934 die eingeladene Parteiprominenz weitgehend fehlte, erfolgte am 20. September 1934 der Antrittsbesuch der Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink in Begleitung des Gauleiters Meyer, des Gauarbeitsleiters Zimmermann und der Gaufrauenschaftsführerin Polster. Der von über fünfhundert Frauen aus den umliegenden Ortsgruppen der Frauenschaft bereitete Empfang wurde von der Presse zu Propagandazwecken genutzt.

Die Nationalzeitung berichtete am 20. September 1934 über den Besuch der Reichsfrauenführerin auf Haus Botzlar. Foto: LAV NRW Westfalen

Die im Artikel zitierte Aussage des Gauleiters Meyer, dass die Frauenschaftsschule „ein neues Bollwerk der nationalsozialistischen Bewegung sei“, kann durchaus in Bezug zur traditionell starken Gegnerschaft gesehen werden, die der NSDAP in Selm durch die Zentrumspartei und die KPD entgegenschlug. Die Wahlergebnisse der NSDAP blieben in Selm bis zum Verbot anderer Parteien weit unter dem Reichsdurchschnitt. Die Ausführungen Meyers, dieses „Haus solle dazu dienen, den Begriff der nationalsozialistischen Weltanschauung in den Frauen zu vertiefen und die, die dieses Haus verlassen, sollen fanatische Kämpferinnen der Idee sein“, unterstreicht die klare ideologische Ausrichtung der Frauenschaftsschule auf Botzlar. 75 Prozent der Lehrinhalte mussten nach Vorgabe des Gauschulungsleiters ideologischer Natur sein, im Mittelpunkt stand der Kampf gegen vermeintliche Feinde wie dem Judentum, den Freimaurern und dem Marxismus, wobei besonders ein rassentheoretisch begründeter Antisemitismus propagiert wurde. Ebenso wurden die Frauen auf die rassistisch begründete nationalsozialistische Expansionsideologie der Eroberung des „Lebensraums im Osten“ eingeschworen.

Ein Wochenschulungsplan der Frauenschaftsschule Botzlar vom Juli 1936. Gut sichtbar die Genehmigung des Gauschulungsamtes der NSDAP. Foto: LAV NRW Westfalen

Die Kurse fanden ganzjährig statt und dauerten in der Regel sechs Tage. Für spezielle Gruppen wurden auch Wochenendkurse und Sonderschulungen angeboten. Anfänglich konnten auf Botzlar maximal 30 Teilnehmerinnen aufgenommen werden. Nachdem ein ehemaliges Wirtschaftsgebäude, das bisher als SA-Heim gedient hatte, im Sommer 1935 der Frauenschaftsschule angegliedert wurde, konnte diese Zahl auf 40 erhöht werden. Insgesamt fanden im Haus Botzlar 183 Schulungen mit 5352 Teilnehmerinnen statt. Zusätzlich gab die Gaufrauenschaftsschule Monatspläne an die ihr unterstellten Kreisschulen und Ortsfrauenschaftsgruppen heraus, die als Richtlinien für die Unterrichtsthemen dienten. Das festangestellte Personal der Schule umfasste in etwa zehn Personen, die für den Lehrbetrieb und die hauswirtschaftliche Versorgung verantwortlich waren. Für den Unterricht wurden neben dem festangestellten Personal, das in der Schule wohnte, von der NSDAP autorisierte Redner für die „weltanschauliche“ Schulung eingesetzt. Diese Redner waren zumeist bewährte NS-Kader, die aus ihrem Einsatzbereich berichteten.

Artikel aus dem Münsterischen Anzeiger vom 27. Oktober 1937. Foto: LAV NRW Westfalen
Teilnehmerinnen des „rassenpolitischen Lehrgangs“ vom Oktober 1937. Foto aus dem Artikel „Gauschule Haus Botzlar feiert dreijähriges Bestehen“. Foto: LAV NRW Westfalen
Foto aus dem Artikel „Die Frauen des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft kamen zur Schulung nach Haus Botzlar“. Foto: LAV NRW Westfalen
Fotos aus dem Artikel „Gauführerschule III Haus Botzlar, Selm Beifang“ 1935. Foto: LAV NRW Westfalen
Fotos aus dem Artikel „Gauführerschule III Haus Botzlar, Selm Beifang“ 1935. Foto: LAV NRW Westfalen
Fotos aus dem Artikel „Unsere Jugendgruppen im Lehrgang“ Die Glocke vom 3. Juli 1938. Foto: LAV NRW Westfalen

Neben den Vorträgen fanden zahlreiche Vorführungen propagandistischer „Lehrfilme“ statt, die durchaus Anklang fanden, allein vom Juli 1938 bis zum Juni 1939 kamen 4326 Personen zu diesen Veranstaltungen. Ebenso verfügte die Schule über eine Bücherei, die die Standardwerke der NS-Propaganda und Schulungsmaterial bereithielt. Im Herbst 1937 wurde anlässlich des dreijährigen Bestehens der Frauenschaftsschule im Haus Botzlar eine ständige Ausstellung eröffnet, die die Arbeit der unterschiedlichen Abteilungen der NS-Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerks zeigte: Schulung, Erziehung, Kultur, Presse, Propaganda, Mütterdienst, Abteilung Grenz- und Ausland, Hilfsdienst, Volks- und Hauswirtschaft, Rasse und Vererbung und Jugendgruppen. Auch wenn die Schau von Handarbeiten, Spielzeugen, Trachten und hauswirtschaftlichen Exponaten zunächst harmlos wirkte, vermittelte sie durch das flankierende Propagandamaterial deutliche ideologische Botschaften. Wie die zeitgenössische Presse berichtete, werde in der Ausstellung „in glücklicher Weise zusammenfassend ausgedrückt, auf welche Art die nordwestfälische Nationalsozialistin Mitarbeiterin des Führers geworden ist auf allen Gebieten deutschen Lebens.“¹ Die Ausstellung galt als Vorzeigeobjekt und wurde neben den Kursteilnehmerinnen, auch von auswärtigen Frauengruppen und Delegationen führender Vertreter aus Partei, Verwaltung und Industrie besucht.

¹Artikel „Gauschule Haus Botzlar feiert dreijähriges Bestehen“ (o. A.) Jg. 1937 Folge 12: LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 65.

Blick in die Ausstellung im Haus Botzlar. Foto aus dem Artikel „Echtes Muttertum brauchen wir“ Münsterischer Anzeiger 14. Juni 1938 Digitalisat: zeit.punktNRW
Blick in die Ausstellung im Haus Botzlar. Hier „Weihnachtsgaben“ der Mütterschulungskurse in Gelsenkirchen. Fotos aus dem Artikel „Gauschule Haus Botzlar feiert dreijähriges Bestehen“. Foto: LAV NRW Westfalen

Im Rahmen der von der NS-Regierung provozierten Sudetenkrise wurden im September 1938 vierzig sudetendeutsche „Flüchtlinge“ im Schulungsgebäude untergebracht. Nach deren Abreise im Oktober 1938 wurde der Schulungsbetrieb zwar wieder aufgenommen, aber bereits am 12. August 1939 endgültig eingestellt. Während offiziell „kriegswichtige Zwecke“ als Grund der Schließung angeführt wurden, ist zu vermuten, dass die Auslastung der Schule, die weit hinter den Erwartungen der Gauführung zurückblieb, entscheidend war.

Sabine Krämer
Historikerin

Quellen und Literatur

Artikel „Echtes Muttertum brauchen wir“ Münsterischer Anzeiger 14.06.1938 Digitalisat: zeit.punktNRW

Artikel „Führerinnenschule der NS-Frauenschaft auf Haus Botzlar in Selm-Beifang“ (o. A.): LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 65.

Artikel „Führer und Gefolgschaft“ Nationalzeitung 20.09.1934: LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 65.

Artikel „Die Frauen des Frauenbundes der Deutschen Kolonialgesellschaft kamen zur Schulung nach Haus Botzlar“ (o. A.): LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 65.

Artikel „Gauführerschule III Haus Botzlar, Selm Beifang“ (o. A. 1935): LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 65.

Artikel „Gauschule Haus Botzlar feiert dreijähriges Bestehen“ (o. A.) Jg. 1937 Folge 12: LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 65.

Artikel „Rassenpolitischer Lehrgang in der Gauschule der NS-Frauenschaft Münsterischer Anzeiger 27.10.1937: LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 65.

Artikel „Unsere Jugendgruppen im Lehrgang“ Die Glocke 03.07.1938, S. 17: LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 65.

Wochenschulungsplan Gaufrauenschaftsschule 27.07.-01.08.1936 LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 64.

LAV NRW Westfalen, S 008 / NSDAP, Gauleitung Westfalen-Nord, NS Frauenschaft Westfalen-Nord, Nr. 64, 65, 162, 177, 398, 480.

Hölter, Beatrix: NS-Frauenschaft im Gau Westfalen-Nord. Münster 1985.

Kater, Michael H.: Frauen in der NS-Bewegung, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 31 (1983) Heft 2, S. 202-241.

Kaiser, Udo; Wanko, Michael: Die Schule der NS-Frauenschaft auf der Burg Botzlar. Staatsarbeit schließt Lücke in der Ortsgeschichte. In: Jahrbuch Kreis Unna 21, 1999, S. 120-126.

Wanko, Michael: Die Schule der NS-Frauenschaft auf der Burg Botzlar. Schriftenreihe des Stadtarchivs Selm, Bd. 5. Selm 1999.

Zur NSF: www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/ns-organisationen/frauenschaft/